WirtschaftsinformatikWirtschaftsinformatik ist eine der Angewandten Informatiken. Charakterisch ist ihre Interdisziplinarität, denn sie vereint Elemente der Betriebswirtschaftslehre, der Informatik, der Ingenieurwissenschaften und der Verhaltenswissenschaften. Gemessen an verschiedenen Indikatoren gewinnt das Fach wachsende Bedeutung. Gegenstand und WesenGegenstand der Wirtschaftsinformatik (WI) sind Informationssysteme (IS) in Wirtschaft, öffentlicher Verwaltung und im Privathaushalt. IS umfassen menschliche und maschinelle Komponenten (Teilsysteme). Der Begriffsbestandteil "Information" verdeutlicht, dass es wichtigster Zweck der Systeme ist, Aufgabenträger, seien es Menschen oder Maschinen, mit Informationen zu versorgen und das betriebliche Geschehen mithilfe von Informationen zu lenken. Die Wissenschaftliche Kommission Wirtschaftsinformatik im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft und der Fachbereich Wirtschaftsinformatik der Gesellschaft für Informatik benennen in ihrem "Profil der Wirtschaftsinformatik" als Ziel dieser Wissenschaftsdisziplin u.a. "die (Weiter-)Entwicklung von Theorien, Methoden und Werkzeugen zur Gewinnung intersubjektiv überprüfbarer Erkenntnisse über IS" [WKWI und GI FB WI 2011; Stichwort "Profil der Wirtschaftsinformatik" in dieser Enzyklopädie]. Im Mittelpunkt stehen die Konzeption, Entwicklung, Einführung, Nutzung und Wartung von Anwendungssystemen (AS) sowie generell das Management des Produktionsfaktors Information. Unter einem Anwendungssystem versteht man eine Komponente eines IKS, bei der die Informationstechnik herangezogen wird, um einzelne betriebliche Funktionen und Prozesse teilweise oder ganz zu automatisieren [Fachkommission 2007, S. 319, und Kurbel 2009, Kap. 3.2]. Dabei baut der Wirtschaftsinformatiker auf den Informationstechniken (IT) auf, die von Fachleuten anderer Disziplinen (Mathematik, Physik, Informatik, Elektrotechnik, Fertigungstechnik) entwickelt und in kurzen Abständen weiterentwickelt werden. Der wirtschaftliche Stellenwert der WI wird auch aus einer Untersuchung ersichtlich, die an der Harvard University und am Massachusetts Institute of Technology durchgeführt wurde. Sie führt u. a. zu folgendem Befund: "IT appears to be much more strongly correlated with the changes in competitive dynamics than R&D does." [McAfee, Brynjolfsson 2008, S. 103] Die WI erfüllt die gesellschaftliche Aufgabe, die Produktivität der Volkswirtschaft durch zunehmende Automation zu erhöhen, und wirkt dadurch letztlich wohlstandsmehrend. Diese Aufgabe gewinnt noch an Bedeutung, wenn - wie vor allem im deutschsprachigen Raum - wegen einer ungünstigen Altersstruktur und niedriger Fertilität wenige Erwerbstätige besonders viele Kinder/Jugendliche und Alte versorgen müssen. Als Langfristziel der WI beziehungsweise "konkrete Utopie" im Sprachgebrauch der Philosophie kann man daher die Vollautomation des betrieblichen Geschehens in dem Sinn definieren, dass alle Tätigkeiten, bei denen ein IKS Aufgaben mindestens so gut wie ein Mensch bewältigt, vom System übernommen werden ("sinnhafte Vollautomation"). Anwendungssysteme und typische AnwendungsfelderDie folgenden Beispiele sollen einen Eindruck von der Vielfalt von Anwendungssystemen in unterschiedlichen Wirtschaftszweigen geben, die von Damen und Herren mit guten WI-Kenntnissen entwickelt und betreut werden (in Anlehnung an [Mertens et al. 2010, S. 1 f.]):
Fachliche EinordnungDie WI versteht sich als interdisziplinäres Fach zwischen Betriebswirtschaftslehre (BWL) und Informatik und enthält auch informations- bzw. allgemein-technische Lehr- und Forschungsgegenstände. Sie bietet mehr als die Schnittmenge zwischen diesen Disziplinen, beispielsweise besondere Methoden zur Abstimmung von Unternehmensstrategie und Informationsverarbeitung (vgl. Abbildung 1).
Abb. 1: Einordnung der WI Konnte man ursprünglich die WI zumindest teilweise als eines von mehreren Gebieten der BWL oder der Informatik begreifen, so deuten in jüngerer Zeit viele Anzeichen darauf hin, dass sich das Fach zu einer gleichberechtigten Disziplin entwickelt. Solche Indikatoren sind unter anderem eigene Studiengänge mit speziellen akademischen Abschlüssen und wachsenden Studierendenzahlen, eigene nationale und internationale Fachgesellschaften, Tagungen, Schwerpunktprogramme in der hochschulübergreifenden Forschung, Fachzeitschriften und Universitätsinstitute. Die WI gewinnt einen zunehmenden Anteil am Fächerspektrum der Informatik-Disziplinen im weitesten Sinn, etwa gemessen an der Zahl der Studienanfänger. Eine interessante Zuweisung, welche auf die Association for Information Systems (AIS) zurückgeht, lautet: Die Ökonomie (BWL, VWL) trägt die Verantwortung für die "Ressource Kapital", die Verhaltenswissenschaften (Soziologie, Psychologie, Organisationswissenschaft) tragen sie für die "Ressource Mensch", und die WI verantwortet die "Ressource Information". Die Rolle der Wirtschaftsinformatik im Betrieb wandelte sich zunehmend: Ursprünglich half sie, Rationalisierungserfolge auf den ausführenden Ebenen des Unternehmens zu erreichen. Dann wandte sie sich der Herausforderung zu, menschliche Dispositionen zu ersetzen, beispielsweise mit Methoden der Mathematik, der Statistik, des Operations Research oder der Künstlichen Intelligenz. Anschließend begann die WI zu helfen, die strategische Position des Unternehmens zu halten und zu verbessern. In diesem Zusammenhang spielt sie auch die Rolle des "Enablers", das heißt, sie ermöglicht völlig neue Geschäftsmodelle; hier sind vor allem Betriebe zu nennen, die sich die Möglichkeiten des Internets zu Nutze machen. Entwicklung und heutiger StandDie WI ist wie die Informatik ein relativ junges Fachgebiet, das sich mit dem raschen Fortschritt in der Informatik, in den Wirtschaftswissenschaften und in der Technik ständig weiterentwickelt. Das Fach hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Der Durchbruch zur unbestrittenen akademischen Disziplin kam, als der Bedarf der Wirtschaftspraxis und des Arbeitsmarktes an interdisziplinär ausgebildeten Informationsverarbeitern nicht mehr übersehen werden konnte. Dies war Mitte der 70er Jahre der Fall. Einen erneuten Schub erfuhr die WI um die Jahrtausendwende, als viele Funktionen und Prozesse im betrieblichen Geschehen mit dem Internet verknüpft wurden, es entstand der leider sehr unscharf abgegrenzte Begriff "Electronic Business" ("E-Business"). Inzwischen ist das Fach an fast allen Hochschulen vertreten und hat seinen Platz auch in der Forschungslandschaft. Die WI dient auch hier und da als Vorbild ähnlicher Studienmodelle in den USA (dort "Information Systems (IS)" genannt) und anderen Ländern, etwa Osteuropas. IS und WI sind ähnlich, aber nicht gleich: Während ein Schwerpunkt der WI im deutschsprachigen Raum auf der Entwicklung von AS mindestens bis zum Prototyp liegt (Konstruktions- oder Gestaltungsorientierung), erforscht man in IS stärker die Bewährung, Wirkung und Akzeptanz von Systemen, die durch andere geschaffen wurden, oft mit Methoden der sozialwissenschaftlichen Feldforschung (Verhaltensorientierung, "Empirische Orientierung"). Letztlich ergänzen sich die beiden Ansätze: Die von den "Konstrukteuren" geschaffenen Systeme werden von den "Empirikern" beurteilt. Gefundene Schwächen führen zur Weiterentwicklung der AS (Abbildung 2).
Abb. 2: Zusammenwirken zweier Ansätze der WI Die Arbeitsteilung mit der Informatik (die amerikanische Bezeichnung lautet „Computer Science“) liegt im Wesentlichen darin, dass die Informatiker die Rechenanlagen, Kommunikationsnetze sowie die Systemsoftware und systemnahe Software (z. B. Programmiersprachen, Betriebssysteme, Datenbank-Verwaltung) entwickeln. Informatiker befassen sich auch mit grundlegenden Methoden (Algorithmen), wie z. B. zur Verschlüsselung, Komprimierung, Übertragung, zum Abspeichern und Wiederfinden von Daten, mit Verfahren der Künstlichen Intelligenz oder solchen zur Erkennung von Mustern durch Roboter. Die WI baut auf methodischen Vorarbeiten der Informatik auf. Beispiele zeigt Abbildung 3. Die Informatiker stellen ihre Ergebnisse nicht nur der WI zur Verfügung, sondern auch Schwesterdisziplinen der WI, wie z. B. der Verwaltungsinformatik, der Medizinischen Informatik, der Rechtsinformatik oder der Linguistischen Informatik.
Abb. 3: WI als Fortsetzung der Informatik LiteraturJung, Reinhard ; Myrach, Thomas (Hrsg.): Quo vadis Wirtschaftsinformatik?. Wiesbaden : Gabler 2008. Lange, Carola: Entwicklung und Stand der Disziplinen Wirtschaftsinformatik und Information Systems, ICB-Research Report No. 4, Universität Duisburg-Essen 2006. Kurbel, Karl u.a.: Studienführer Wirtschaftsinformatik 2009/2010. Wiesbaden : Gabler 2009, Kap. 3.2. McAfee, Andrew ; Brynjolfsson, Erik: Investing in the IT That Makes a Competitive Difference. In: Harvard Business Review 86 (2008), Nr. 7/8, S. 98-107. Mertens, Peter u.a.: Grundzüge der Wirtschaftsinformatik, 10. Auflage. Berlin u. a. : Springer 2010. MKWI und GI FB WI: Stichwort "Profil der Wirtschaftsinformatik" in dieser Enzyklopädie, 2011. Österle, Hubert u.a.: Memorandum zur gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik. In: Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung 62 (2010) 6, S. 66-679. Fachkommission Wirtschaftsinformatik: Rahmenempfehlung für die Universitätsausbildung in Wirtschaftsinformatik. In: WIRTSCHAFTSINFORMATIK 49 (2007), Nr. 4, S. 318-325. |
