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Geschichte der Wirtschaftsinformatik

Die Geschichte der Wirtschaftsinformatik wird mit Blick auf ihre Interdisziplinarität zwischen den Fächern Informatik und Betriebswirtschaftslehre sowie auf ihre Grundlagenfächer Logik und Mathematik beschrieben. Die Entwicklung des Fachs im deutschsprachigen Raum seit 1955 wird skizziert und ein Ausblick in die Zukunft gegeben.

Die ca. 50-jährige Geschichte der Wirtschaftsinformatik ist die Geschichte gleich mehrerer Faktoren, nämlich

  • der Entwicklung betrieblicher Anwendungssysteme (Enterprise Application Architecture),
  • des Managements des Informationstechnologie-Einsatzes (Information Technology Architecture)
  • sowie des Managements von Informationen und Wissen (Information Resource und Service- Management) über die internen und externen Sachverhalte einer Wirtschaftseinheit (Unternehmen, öffentliche Verwaltung, etc.),

die zum Teil auch bei anderen Fachwissenschaften wie etwa Betriebswirtschaftslehre und Informatik Gegenstand von Forschung und Lehre sind. Aus diesem Grund ist es heute auch nicht mehr angemessen, von einer „deutschen Wirtschaftsinformatik“ zu sprechen. Vielmehr muss das Fach im Kontext internationaler Bezeichnungen des Sachgebiets wie Applied Computer Science oder Information Systems gesehen werden. Im europäischen Raum ist immer öfter auch die Bezeichnung Business Informatics anzutreffen.

Wirtschaftsinformatik als interdisziplinäre Wissenschaft

Die Geschichte der Wirtschaftsinformatik zeigt vor allem auch die Historie des Begriffs Interdisziplinarität (Zwischenfachlichkeit) auf und zwar in Bezug auf die Fächer Informatik und Betriebswirtschaftslehre (BWL) ebenso wie auf weitere Anwendungsgebiete und ihre Fachwissenschaften. Besonders spannend in dieser historischen Entwicklung ist die Tatsache, dass bereits Informatik und BWL in ihren Grundlagenfächern wie (Sprach-)Logik und Mathematik an sich interdisziplinär sind. Die (formale) Logik wird „zwischenfachlich“ für beide Seiten zu einer Sprach- oder Ingenieurlogik und die (reine) Mathematik wird für die BWL zu einer angewandten Stochastik sowie für die Informatik und BWL zu einer konstruktiven Ingenieurmathematik.

Sprach- oder Ingenieurlogik ebenso wie angewandte Stochastik und konstruktive Ingenieurmathematik können heute vom wissenschaftstheoretischen Standpunkt, d.h. von der Seite der Modellierungs- oder Rekonstruktionssprachen der Informatik und Wirtschaftsinformatik wie z.B. der UML (Unified Modeling Language), als die wichtigsten interdisziplinären Basisfächer beider Informatikwissenschaften angeführt werden. Von dieser Seite kann man die Wirtschaftsinformatik inzwischen getrost als eine Wissenschaft bezeichnen. Die Teilsprachen der UML sowie diverse angrenzende weitere Modellierungssprachen wie

  • die BPMN (Business Process Model and Notation),
  • die OSM (Organizational Structure Metamodel),
  • die BMM (Business Motivation Model) oder
  • die SBVR (Semantics of Business Vocabulary and Business Rules)

werden bereits als Forschungsmethoden (Sprachen und Vorgehensweisen) der Anwendungswissenschaften – so z.B. der BWL oder der VWL – betrachtet. Informatik und Wirtschaftsinformatik sind vor diesem Hintergrund durchaus dabei, zur Wissenschaftstheorie (Philosophy of Science) des 21. Jahrhunderts für ihre Anwendungsfächer zu avancieren.

Während die Informatik solche Forschungsmethoden (Vorgehensweisen sowie Grammatiken oder Metasprachen) z.T. selbst entwickelt, wendet die Wirtschaftsinformatik – und in Folge dann auch die BWL oder die VWL – diese auf spezielle Inhalte (Objektsprachen) interdisziplinär an. Das Aufgabenspektrum der heutigen Wirtschaftsinformatik wird in Abbildung 1 aufgezeigt. Hierbei spielen die Fundamentalbegriffe Schema und komplementär dazu Ausprägungwie sie mit ihren angrenzenden, wichtigsten sprachtheoretischen Grundlagen in [Wedekind et al. 2004-2005] behandelt werden, eine entscheidende Rolle.

Ein Schema ist vom sprachtheoretischen Standpunkt der universelle Aspekt eines Gegenstands, der mit Hilfe sprachlicher Ausdrücke (Zeichen- oder Symbolfolgen) festgehalten wird. Ein Gegenstand ist hierbei all das, worauf sich unsere Aufmerksamkeit richten kann und was wir seit Platon in einer ersten Differenzierung in Dinge und Handlungen (heute weitergefasst auch in Geschehnisse) einteilen. Ermöglicht wird diese Einteilung, weil in unseren Sprachen Wortkategorien wie beispielsweise Substantive für Dinge und Verben für Geschehnisse existieren und nicht etwa deshalb, weil es umgekehrt so etwas wie eine natürliche Gegenstandseinteilung gäbe. Alle Sprachen, die wir kennen oder gebrauchen, bringen daher per se jeweils eine spezielle Gegenstandseinteilung für ihren Benutzer ins Spiel, die dieser nur verlassen kann, indem er zur Benutzung eben in eine andere Sprache überwechselt.

Der singuläre Aspekt von Gegenständen wird bei Dingschemata Ausprägung und bei Geschehnisschemata Ausführung genannt. Ausprägungen und Ausführungen sind Instanzen von Schemata.

In der Informatik und Wirtschaftsinformatik als Ingenieurwissenschaften ist dann auf der Seite der Geschehnisse im Weiteren beispielsweise von zu entwickelnden

  • Programmschemata für Rechenanlagen und
  • Handlungsschemata für Menschen

oder auf der Seite von Dingen und Geschehnissen (also von Gegenständen) von zu entwickelnden

  • Datenschemata für Rechenanlagen und
  • Sprachschemata für Menschen

auszugehen. Auf der Seite der Menschen stellt jeder sprachliche Ausdruck, jeder Satz, jeder Artikel, jedes Buch, jedes Lexikon oder jede Enzyklopädie eine Gesamtheit von durch Menschen konstruierten und hergestellten Sprachschemata dar. Auf der Seite der Computer und Geräte hingegen werden heute entwickelte Daten- und Programmschemata schlicht Software genannt.

Historische Zahlen, Daten und Fakten

"Die (Re-)Konstruktion von Begriffen der Allgemeinen und Speziellen Betriebswirtschaftslehre ist ein Kernstück der Wirtschaftsinformatik."

[Wedekind 1980, S. 440]

Bezüglich des Gegenstands der Wirtschaftsinformatik wurde entwicklungsgeschichtlich bereits 1980 mit der Arbeit "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Betriebsinformatik?" [Wedekind 1980] diese Sache markant auf den Punkt gebracht. Vor diesem Hintergrund haben in den letzten Jahrzehnten vor allem die Entwicklungsmethoden und die Modellierungssprachen einen rasanten Fortschritt gemacht. Die Implementierung und die Programmiersprachen selbst (zentrale Gegenstände der Systeminformatik) sind für die Wirtschaftsinformatik dagegen inzwischen etwas in den Hintergrund getreten.  

Aufgabengebiete der heutigen Wirtschaftsinformatik.jpg

Abbildung 1: Aufgabengebiete der heutigen Wirtschaftsinformatik

Natürlich wird der grundlegende Zusammenhang zwischen der Begriffslogik Freges [z. B. Frege 2002] und der Modellierungsaufgabe in der Informatik inzwischen von keinem ernsthaft bestritten. Dass Begriffs- bzw. Sprachlogik sowohl die Informatik als auch die Wirtschaftsinformatik als Wissenschaft erst möglich macht, ist allenthalben anerkannt. Nur umfasst Wirtschaftsinformatik auch noch Management- und Ökonomie-Aspekte (vgl. Abbildung 1) des IT-Einsatzes in Organisationen.

Wichtige Meilensteine und Pioniere der deutschsprachigen Wirtschaftsinformatik

Im Folgenden werden in chronologischer Folge sowohl wichtige Persönlichkeiten als auch Ereignisse aufgeführt, ohne die (auch) die deutsche Wirtschaftsinformatik nicht das wäre, was sie heute ist:

  • 1955: Erste größere Anwendungen von EDV in der Wirtschaft mit der Folge der Anpassung betriebswirtschaftlicher Lehrveranstaltungen.
  • 1958: Ernst Peter Billeter gründet an der Universität Fribourg (Schweiz) das Institut für Automation und Operations Research.
  • 1963: Erwin Grochla gründet an der Universität zu Köln das Betriebswirtschaftliche Institut für Organisation und Automation (BIFOA).
  • 1966: Mit Peter Mertens wird die erste EDV-orientierte Habilitation im deutschsprachigen Raum angenommen.
  • 1968: Peter Mertens erhält in Linz den ersten betriebswirtschaftlichen Lehrstuhl mit Ausrichtung auf EDV im deutschsprachigen Raum.
  • 1970: Lutz J. Heinrich gründet an der Universität Karlsruhe den Lehrstuhl "Organisationstheorie und Datenverarbeitung".
  • 1970: Peter Mertens erhält an der Universität Erlangen-Nürnberg den ersten betriebswirtschaftlichen Lehrstuhl mit Ausrichtung auf EDV in Deutschland.
  • 1971: Hartmut Wedekind führt an der Technischen Hochschule (jetzt TU) Darmstadt eine Forschergruppe im Forschungsprogramm Informatik mit betriebswirtschaftlicher Ausrichtung.
  • 1971: Peter Mertens führt an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg eine Forschergruppe im Forschungsprogramm Informatik mit betriebswirtschaftlicher Ausrichtung.
  • 1972: Gründung von SAP (Systemanalyse und Programmentwicklung) in Weinheim/Baden.
  • 1975: Gründung der Wissenschaftlichen Kommission Betriebsinformatik (WKBI) im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft.
  • 1975: Die Studiengänge "Betriebs- und Wirtschaftsinformatik" (Wien) und "Betriebs- und Verwaltungsinformatik" (Linz) werden eingeführt.
  • 1976: An der Technischen Hochschule (jetzt TU) Darmstadt wird der Studiengang "Wirtschaftsinformatik" als erster seiner Art in Deutschland ins Leben gerufen.
  • 1979: Hartmut Wedekind veröffentlicht den "Objekttypen-Ansatz".
  • 1984: 1. Forschungsförderungsprogramm der DFG - initiiert von der WKBI (Koordinator A. W. Scheer, Saarbrücken, später K. Kurbel, Dortmund).
  • 1984: August-Wilhelm Scheer etabliert an der Universität Saarbrücken die "EDV-orientierte Betriebswirtschaftslehre" und gründet IDS-Scheer.
  • 1985: Mit "Information Management" wird durch folgende Professoren die erste Zeitschrift für Wirtschaftsinformatik aus der Taufe gehoben: Joachim Griese (Bern, Schweiz), Lutz J. Heinrich (Linz, Österreich), Karl Kurbel (Dortmund) und August-Wilhelm Scheer (Saarbrücken).
  • 1987: Umbenennung der WKBI in Wissenschaftliche Kommission Wirtschaftsinformatik (entspricht Einigung auf den Namen Wirtschaftsinformatik als Disziplinbegriff).
  • 1989: Hubert Österle gründet an der Universität St. Gallen (Schweiz) die Information Management Group (IMG).
  • 1989: Das Hochschulsonderprogramm HSP 89, das so genante "Möllemann-Programm" wird gefördert. In einem Sofortprogramm für die Universitäten werden von Bund und Ländern gemeinsam, initiiert durch den damaligen Bundeswissenschaftsminister Jürgen F. Möllemann, insgesamt 2,1 Milliarden DM, verteilt auf sieben Jahre, zur Verfügung gestellt.
  • 1993: Karl Kurbel koordiniert in Münster die erste große Wirtschaftsinformatik-Tagung, die "WI-93".
  • 1994: Rainer Thomé initiiert in Würzburg den Wirtschaftsinformatik Verband für Hochschschule und Praxis in Europa (WIV). 
  • 1995. Kurt Bauknecht wird als erster Wirtschaftsinformatiker Präsident der weltweiten Organisation "International Federation Information Processing" (IFIP). Wolffried Stucky wird als erster Wirtschaftsinformatiker zum Präsidenten der "Gesellschaft für Informatik e.V." (GI) gewählt. 
  • 1997: Mit dem Sonderforschungsbereich "Vernetzung als Wettbewerbsfaktor" wird an der Universität Frankfurt/Main der erste DFG-Sonderforschungsbereich eingerichtet, in welchem die Wirtschaftsinformatik eine bedeutende Rolle spielt.
  • 2000: 17 Wirtschaftsinformatik-Professoren aus dem deutschsprachigen Raum gründen mit der "VGU School of Business Informatics" eine virtuelle Universität zur Wirtschaftsinformatik-Ausbildung über das Internet.
  • 2001: An der Otto-Friedrich-Universität Bamberg wird die erste Wirtschaftsinformatik-Fakultät unter der Bezeichnung "Fakultät für Wirtschaftsinformatik und Angewandte Informatik" gegründet.
  • 2007: August-Wilhelm Scheer wird als erster Wirtschaftsinformatiker Präsident der BITKOM. Darüber hinaus wird er einer der Vizepräsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie.
  • 2008: Die erste Auflage der Enzyklopädie der Wirtschaftsinformatik erscheint  als Gemeinschaftsprojekt der "Wissenschaftlichen Kommission Wirtschaftsinformatik" beim Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München.

Diese Aufzählung bildet nur einen ersten Einstieg in die große Zahl jener Persönlichkeiten und Ereignisse, die in den Jahren zwischen 1955 und 2011 die Entwicklung des Faches entscheidend mitgeprägt haben. Eine detaillierte Darstellung dieser Zusammenhänge findet sich in [Heinrich 2011].

Ein Blick in die Zukunft

Der Blick in die Vergangenheit (Geschichte) lässt die Frage nach der Zukunft aufkommen: Wo steuert die Wirtschaftsinformatik hin?

Thematisch wird es ohne Zweifel eine Weiterentwicklung der (Forschungs-)Methoden geben. Politisch gesehen wird hingegen mit dem "Siegeszug" des Ubiquitous Computing zu klären sein, bei welcher Disziplin die Entwicklung von Anwendungssystemen (Abbildung 1) aufgrund des unerlässlichen Verständnisses und der Beherrschung von Modellierungssprachen am besten aufgehoben ist. Hier scheint neben der Wirtschaftsinformatik natürlich vor allem auch die Informatik ein geeigneter sowie ernst zu nehmender Kandidat zu sein, zumal sie das ingenieurmäßige Entwickeln zu erarbeitender Sachverhalte schon aus ihrer Historie heraus gesehen besser beherrscht als die Wirtschaftsinformatik.

Eine spezielle Informatik oder eine spezielle Wirtschaftslehre

"Konstruktionsorientierte Forschung war jedenfalls viele Jahre lang das herausragende Paradigma in der Wirtschaftsinformatik."

Kurbel
in: [Lange 2006, S. 35]

Fast schon monatlich werden heute vom Standpunkt der Computer Science weltweit neue interdisziplinäre Wissenschaften ausgerufen, so z.B. allein im ersten Halbjahr 2008 die Disziplinen Web Science, Services Science oder Total Application System Science. Gemessen an dem Aufgabenspektrum der Wirtschaftsinformatik (Abbildung 1) entsteht durch diese "Neugründungen" vor allem auf dem Gebiet Entwicklung von Anwendungssystemen der Wirtschaftsinformatik starke Konkurrenz. Aus dieser Wettbewerbssituation wird sie nur dann erfolgreich hervorgehen, wenn die im Laufe der letzten Jahrzehnte entstandene Aufspaltung in zwei Lager revidiert und die damit geschwächte gemeinsame "Schlagkraft" wieder fokussiert wird. Ist die Wirtschaftsinformatik nun eine spezielle Wirtschaftslehre (Betriebswirt) oder eine spezielle Informatik (Ingenieur)? Rein grammatisch ist die Antwort klar, denn eine Fischsuppe ist schließlich auch eine spezielle Suppe und kein spezieller Fisch. Auf diese Weise wird Wirtschaftsinformatik beispielsweise auch von Mertens in dieser Enzyklopädie interpretiert. Doch finden sich in der Community nach wie vor beide Auslegungen, die der "Ingenieure" und die der "Betriebswirte". Dies erschwert natürlich ein selbständiges,  interdisziplinär Theorie-stabilisiertes Arbeiten in der Wirtschaftsinformatik, was in unserer in steigendem Maße durch ganzheitliche Ansätze und Interdisziplinarität geprägten Welt langfristig zu Problemen für dieses wichtige Fach führen kann.

Literatur

Frege, Gottlob: Funktion, Begriff, Bedeutung. Göttingen: Vandenhoeck Ruprecht, 2002.

Lange, Carola: Entwicklung und Stand der Disziplinen Wirtschaftsinformatik und Information Systems. ICB-Research Report No. 4, Universität Duisburg-Essen, 2006.

Heinrich, L.J.: Geschichte der Wirtschaftsinformatik. Entstehung und Entwicklung einer Wissenschaftsdisziplin. Berlin, Heidelberg: Springer, 2011.

Wedekind, Hartmut: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Betriebsinformatik? In: Angewandte Informatik (1980), Nr. 11, S. 439-442.

Wedekind, Hartmut; Ortner, Erich; Inhetveen, Rüdiger: Informatik als Grundbildung. 6 Aufsätze in: Informatik-Spektrum 27 (2004), Nr. 2, bis 28 (2005), Nr. 1.

 

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Zuletzt bearbeitet: 25.08.2011 17:16
Letzter Abruf: 08.02.2012 21:54
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