Planung von Lieferketten und -netzwerken
Werner Delfmann
(unter Mitarbeit von
Anne Paul)
Die Planung von Lieferketten und -netzwerken befasst sich mit der organisatorischen und physischen Ausgestaltung von Lieferketten. Organisatorisch ist die Koordination der Vielzahl an Partnern herausfordernd. Auf physischer Ebene sind die Gestaltungsparameter Zentralität, Spekulation und Konsolidierung relevant in der Planung von Lieferketten. Ebenen der Planung von Lieferketten und NetzwerkenAls betriebswirtschaftliche Planung bezeichnet man „das rationale Durchdenken und Formulieren von Gestaltungsproblemen, die Festlegung des gewollten Zustandes und die Auswahl der zu seiner Erreichung geeigneten Maßnahmen und Ressourcen“ [Delfmann, Reihlen 2002, S. 1439]. Komplexe Lieferketten und –netzwerke (Supply Chains oder Supply Networks), treten als Betrachtungseinheit des strategischen Managements zunehmend in den Vordergrund (vgl. [Pfohl 2004, S. 352]). Damit gewinnt deren vielschichtige Planung ebenfalls an Relevanz. Im Spezialfall der Planung von Lieferketten umfassen die Gestaltungsprobleme sowohl eine organisatorische als auch eine physische Dimension. Organisatorische DimensionOrganisatorische Aspekte der Planung von Lieferketten befassen sich mit der Ausgestaltung der Kooperation der Partner in der Lieferkette. In diesem Sinne sind Ansätze des Supply Chain Governance basierend auf grundlegenden, transaktionskostenorientierten Überlegungen relevant, um die passende Form der Kooperation in der Lieferkette zu definieren (vgl. [Delfmann 2007; Gereffi et al. 2005; Albers et al. 2003]). Unter logistischen Gesichtspunkten ist insbesondere die Koordination der Partner in der Planung von Lieferketten zu beachten. Die verstärkte Arbeitsteilung, vor allem auch im Kontext der Globalisierung erhöht fast zwangsläufig die Anzahl der Akteure in Lieferketten. Außerdem werden Lieferketten immer spezifischer auf herausfordernde Situationen zugeschnitten (z.B. JIT-Belieferung in der Automobilwirtschaft oder ECR-Kollaborationen im Handel). Ohne unterstützende IT-Systeme wäre heutzutage das Management der Schnittstellen und Informationen in Lieferketten unmöglich.
Physische DimensionPhysische Aspekte der Planung von Lieferketten sind ein wichtiges Anwendungsgebiet des Operations Research; beispielhaft seien Standortentscheidungen oder die optimale Lenkung von Warenströmen genannt (vgl. [Crainic, Laporte 1997; Crainic 2000; Wieberneit 2008]). Gerade hier sind viele Verbindungen zur Planung in Lieferketten vorhanden. Über die detaillierte Optimierung hinaus sind drei logistische Gestaltungsdimensionen für die Planung von Lieferketten relevant: KLAAS hebt den Dreiklang dieser Dimensionen in der Infrastruktur- und Prozessplanung hervor. Er identifiziert die Gestaltungsoptionen zentral vs. dezentral, aufschieben vs. spekulieren und bündeln vs. vereinzeln (vgl. [Klaas 2002, S. 150-158; Pfohl 2004, S. 116-131]). Geographische Zentralität von Lieferketten liegt vor, wenn Transport- und Transformationsprozess von Gütern geographisch auf einen Ort konzentriert sind. Man unterscheidet zwischen horizontaler geographischer Zentralität (Orte einer Prozessstufe) und vertikaler geographischer Zentralität (Orte konsekutiver Prozessstufen) (vgl. [Klaas 2002, S. 151]). Die Zentralität einer Lieferkette stellt einen wichtigen Teil ihrer Infrastrukturplanung dar. Geographische Zentralität ist mitunter stark getrieben durch Entscheidungen über Beschaffungs- und Produktionsmärkte: fußt eine Lieferkette auf Local Sourcing, so liegt es nahe, dass sie über einen hohen Grad an vertikaler geographischer Zentralität verfügt. Aufschieben (Postponement) und Spekulieren (Speculation) sind prozessuale Aspekte der Planung von Lieferketten und haben jeweils eine geographische und eine produktionsorientierte Dimension. Beim Aufschieben werden allgemein die Entscheidungen über Ausdifferenzierungen eines Produktes in der Lieferkette so weit wie möglich in die Zukunft verschoben; sei es über die Variantenbildung (produktionsorientiert) oder über die Belieferung regionaler Märkte (geographisch). Wird eine Spekulationsstrategie gewählt, so werden diese Entscheidungen auf der Basis von Prognosen bereits früh getroffen (vgl. [Pagh et al. 1998; Delfmann 1998, S. 80]). Die Gestaltungsdimension der Konsolidierung (bündeln oder vereinzeln) hat sowohl prozessuale als auch infrastrukturorientierte Aspekte. Es stellt sich die Frage, ob Waren in der Lieferkette kosteneffizient gebündelt oder serviceorientiert einzeln transportiert werden sollen. Dabei sind unterschiedliche Bündelungsstrategien verfügbar, die alle auf eine Kostenreduktion durch hohe Auslastung von Kapazitäten abzielen (vgl. [Hall 1987]). Neben interorganisatorischen Entscheidungen stellen die drei Gestaltungsdimensionen das zweite Standbein der durch die Planung von Lieferketten zu definierenden Strukturen dar. LiteraturAlbers Sascha: The Design of Alliance Governance Systems. Köln : Kölner Wissenschaftsverlag, 2005. Albers, Sascha; Gehring, Martin; Heuermann, Caroline: A Configurational Appraoch to Supply Chain Governance. In: Seuring, Stefan; Müller, Martin; Goldbach, Maria; Schneidewind, Uwe (Hrsg.): Strategy and Organization in Supply Chains. Physica : Heidelberg, 2003. S. 99-114. Crainic, Theodor Gabriel: Service network design in freight transportation. In: European Journal of Operational Research 122 2000, 2, S. 272-288. Crainic, Theodor Gabriel, Laporte, Gilbert: Planning models for freight transportation. In: European Journal of Operational Research 97 1997, 3, S. 409-438. Delfman, Werner; Reihlen, Markus: Planung. In: Küpper, Hans-Ulrich, Wagenhofer, Alfred (Hrsg.): Handwörterbuch Unterhemensrechnung und Controlling. 4. Auflage. Stuttgart : Schäffer-Poeschel, 2002. S. 1439-1449. Delfmann, Werner. Organisation globaler Versorgungsketten. In Glaser, Horst; Schröder, Ernst F.; von Werder, Axel (Hrsg.): Organisation im Wandel der Märkte: Erich Frese zum 60. Geburtstag. Wiesbaden : Gabler, 1998. S. 61-89. Delfmann, Werner: Dynamics of Supply Chain Goverance: A Contingency Appraoch. In Klaas-Wissing, Thorsten; Delfmann, Werner (Hrsg.): Strategic Supply Chain Design: Theory, concepts and applications. Köln : Kölner Wissenschaftsverlag, 2007. S. 65-81. Gereffi, Gary; Humphrey, John; Sturgeon Timothy: The governance of global value chains. In: Review of International Political Economy 12 2005, 1, S. 78-104. Hall, Randolph W.: Consolidation Strategy: Inventory, Vehicles and Terminals. In: Journal of Business Logistics 8 1987, 2, S. 57-73. Klaas, Thorsten: Logistik-Organisation : ein konfigurationstheoretischer Ansatz zur logistikorientierten Organisationsgestaltung. Wiesbaden : Deutscher Universitäts Verlag, 2002. Pagh, Janus D.; Cooper Martha C.: Supply Chain Postponement and Speculation Strategies: How to Choose the Right Strategy. In: Journal of Business Logistics 19 1998, 2, S. 13-33. Pfohl, Hans-Christian: Logistikmanagement : Konzeption und Funktionen. 2., vollst. überarb. und erw. Auflage. Berlin : Springer, 2004. Wieberneit Nicole: Service network design for freight transportation: a review. In OR Spectrum 30 2008, 2, S. 77-112. |
