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Soziale Netzwerkanalyse
Ulrike Baumöl
(unter Mitarbeit von
Henrik Ickler)
Die soziale Netzwerkanalyse untersucht Beziehungen zwischen Akteuren in einem Netzwerk. Sie ist ein interdisziplinär verwendeter Ansatz, der zur Untersuchung verschiedenster Netzwerke in unterschiedlichen Forschungsdisziplinen verwendet wird. AllgemeinDie soziale Netzwerkanalyse wird interdisziplinär in den Sozial- und Verhaltenswissenschaften, wie auch in der Betriebswirtschaftslehre oder den Politikwissenschaften angewandt. Sie befasst sich mit Beziehungen zwischen Akteuren, welche z. B. menschliche Individuen, Unternehmen oder ganze Nationen sein können [Wassermann/Faust 1999, S. 3 ff.]. Dabei betrachtet sie Merkmale von sozialen Netzwerken und analysiert sowie interpretiert diese. Anstelle der Merkmale der einzelnen Akteure werden deren Beziehungen untereinander, z. B. Kommunikationsbeziehungen oder Verwandtschaftsverhältnisse, in den Vordergrund gestellt und bilden die kleinste Analyseeinheit. Das Ziel der sozialen Netzwerkanalyse ist es, Beziehungsmuster aufzudecken und aus diesen Erkenntnisse zu gewinnen [de Noy et al. 2005, S. 5]. Gegenwärtig werden im Kontext der sozialen Netzwerkanalyse z. B. Communities im World Wide Web (WWW), wie Facebook, MySpace oder Xing, betrachtet. Im Bereich der Organisationstheorie werden z. B. Beziehungen zwischen Mitarbeitern oder mehreren Organisationen und im Bereich der Soziologie z. B. Beziehungen über soziale Stände hinweg untersucht. Geschichte und EntstehungDie Entstehung der sozialen Netzwerkanalyse wird auf unterschiedliche Entwicklungspfade sowie Forschungsdisziplinen und -felder zurückgeführt. Der Entstehungszeitpunkt ist daher in der Literatur auf unterschiedliche Zeiträume datiert. Als ein Vordenker der sozialen Netzwerkanalyse gilt Georg Simmel, der bereits erstmals Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts versuchte, relationale Merkmale von Beziehungen zwischen Individuen zu analysieren. In den 1930er Jahren bildeten sich drei Entwicklungslinien heraus. Unter dem Begriff Soziometrie begannen Jacob Moreno und andere in diesem Zeitraum erste graphische Darstellungen, basierend auf der Graphentheorie, zu verwenden. Eine Gruppe von Wissenschaftlern der Harvard Universität erforschte im gleichen Zeitraum persönliche Beziehungsmuster und informelle Gruppenbeziehungen. Als dritte Entwicklungslinie gilt die sogenannte Manchester-Gruppe, die aus mehreren britischen Sozialanthropologen bestand. Diese untersuchten, basierend auf den anderen beiden Entwicklungslinien, Strukturen und Beziehungen von Volksstämmen und Gemeinden. Die Entstehung der sozialen Netzwerkanalyse als ausdifferenzierter methodischer und theoretischer Ansatz, der die unterschiedlichen Entwicklungslinien eint, wird auf den Beginn der 1970er Jahre datiert [Jansen 1999, S. 31 ff.; Scott 1997, S. 7 ff.]. Grundlegende Begriffe und EigenschaftenIm Bereich der Analyse und Betrachtung sozialer Netzwerke existieren einige grundlegende Begriffe, die für die Diskussion der sozialen Netzwerkanalyse von Bedeutung sind. Diese Begriffe sind Akteur, Beziehungen, Dyade, Triade, Untergruppe, Gruppe, Relation und Netzwerk [Wassermann/Faust 1999, S. 17 ff.].
Im Rahmen der sozialen Netzwerkanalyse existieren einige Maßzahlen und netzwerkanalytische Konzepte. Als Beispiel kann hier Zentralität und die dazugehörigen Konzepte Betweenness und Nähe sowie Reichweite genannt werden [Jansen 1999, S. 121 ff.]:
Erhebung von DatenFür die Analyse sozialer Netzwerke müssen im Vorfeld die relevanten Daten erhoben werden. Als Besonderheit gilt dabei die genaue Abgrenzung und Definition des Netzwerkes. Nur wenn die relevanten Akteure und Beziehungen erfasst sind, kann eine aussagekräftige Analyse erfolgen. Nach der Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes kann mittels verschiedener Erhebungsverfahren eine Datenerfassung stattfinden. Bei kleinen Netzwerken bietet sich z. B. die Erhebung durch Beobachtung an. Auch können Daten durch eine Sekundäranalyse in Datensammlungen, Archiven oder Handbücher erlangt werden. Ebenfalls ein wichtiges Erhebungsverfahren ist die Befragung von Akteuren, in dem Fall, dass es sich um menschliche Individuen handelt. Weiterhin existieren Erhebungs- und Abgrenzungsverfahren, die speziell oder vorwiegend bei der sozialen Netzwerkanalyse verwendet werden. Zu nennen sind hier in erster Linie Namensgeneratoren. Durch eine Umfrage mit sogenannten Namensgeneratoren und -interpretatoren sollen umfangreiche Listen von Akteuren generiert werden, die mit einem Akteur verbunden sind [Jansen 1999, S. 63 ff.]. Analyse und DarstellungFür die Analyse sozialer Netzwerke eignen sich Soziogramme, bei denen die mathematische Graphentheorie angewandt werden kann, und Matrizen [Jansen 1999, S. 85 ff.]. Soziogramme stellen Netzwerke grafisch dar. Die Akteure werden in ihnen als Punkte oder Knoten und die Beziehungen zwischen ihnen als Linien dargestellt. Ungerichtete Linien werden als Kanten und gerichtete Linien als Pfeile bezeichnet. Die Anordnung der Punkte ist nicht durch Regeln festgeschrieben, sondern kann beliebig erfolgen. Die Länge der Linie zwischen den Punkten ist für die Analyse unerheblich.
Abb. 1: Soziogramm Neben dem Sozigramm können Netzwerkdaten auch als Matrix, in einer sogenannten Soziomatrix oder Affiliations-Matrix, dargestellt werden. Die Zeilen wie auch die Spalten präsentieren bei der Soziomatrix die Akteure des Netzwerks, in einer quadratischen Matrix. Eine vorhandene bzw. nicht vorhandene Beziehung oder Relation wird mit 1 oder 0 dargestellt.
Abb. 2: Soziomatrix Bei Affiliations-Matrizen befinden sich die Akteure in der Vorspalte und die Affiliationen in der Kopfzeile. Affiliationen können dabei sowohl Organisationen und Verbände sein, aber auch Ereignisse, wie z. B. Familienfeiern oder Konferenzen. Zugehörigkeiten bzw. Nicht-Zugehörigkeiten werden auch hier mit 1 und 0 symbolisiert.
Abb. 3: Affiliations-Matrix SoftwareFür die Analyse, Darstellung oder auch Simulation von sozialen Netzwerken existieren verschiedene Softwareprodukte, die es ermöglichen, soziale Netzwerke unterschiedlicher Größe mit unterschiedlichen Zielsetzungen zu untersuchen. Dafür verfügen die meisten Produkte über mathematische und statistische Funktionen, die auf das jeweilige Netzwerk angewandt werden können. Auch sind in der Regel verschiedene Visualisierungsmöglichkeiten vorhanden, um das Netzwerk abzubilden. Für die Anwendung in der Wissenschaft und Forschung sind Pajek, UCINET oder Statnet Beispiele für Softwareprodukte zur Analyse sozialer Netzwerke. Für die betriebliche Anwendung, um z. B. Wissensträger im Unternehmen aufzuspüren, können als Beispiel Keyhubs oder NetMiner genannt werden. AnwendungsgebieteDie soziale Netzwerkanalyse findet in vielen Bereichen von Wissenschaft und Praxis Anwendung. Gegenwärtig werden vermehrt die im Kontext von Web 2.0 auf Social Software basierenden Netzwerke und Communities, wie z. B. Xing, Facebook, StudiVZ oder MySpace, untersucht. Dabei wird unter anderem versucht, Zukunftsprognosen zu generieren, die Aufschluss über zukünftige Produkttrends geben. Vermehrt wird die soziale Netzwerkanalyse auch in Unternehmen verwendet, um Wissensträger, Innovatoren, inoffizielle Führungspersonen oder Karrierenetzwerke zu identifizieren. Anwendung findet die soziale Netzwerkanalyse z. B. auch in der Friedensforschung, bei der Untersuchung der Ausbreitung von Innovationen oder Krankheiten sowie bei der Betrachtung von Migrationsbewegungen. Literaturde Nooy, Wouter., Mrvar, Andrej. and Batagelj, Vladimir: Exploratory Social Network Analysis with Pajek. Cambridge University Press : Cambridge 2005. Jansen, Dorothea: Einführung in die Netzwerkanalyse – Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Leske + Budrich : Opladen 1999. Scott, John: Social Network Analysis – A Handbook. SAGE Publications : London et al. 1997. Wassermann, Stanley; Faust, Katherine: Social Network Analysis – Methods and Applications. Cambridge University Press : Cambridge 1999. |
