Benutzerspezifische Werkzeuge

Customizing von Standardsoftware

Unter Customizing werden alle Maßnahmen zusammengefasst, die im Rahmen der Einführung von Anwendungssystemen zur Anpassung einer standardisierten Software an die konkreten Anforderungen des Anwenders durchgeführt werden.

Notwendigkeit des Customizing

Standardsoftware wird auf Basis prognostizierter Anforderungen eines anonymen Marktes für wiederholt auftretende, vergleichbare und somit standardisierbare Aufgabenstellungen bei verschiedenen Anwendern entwickelt [Amberg 1999, S. 706; Heinrich, Heinzl, Roithmayr 2004, S. 625]. Aus der Standardisierung folgt, dass Standardsoftware im Gegensatz zu Individualsoftware nur zu einem gewissen Grad den Anforderungen eines konkreten Nachfragers entspricht. Die Standardsoftware muss bei der Einführung mittels Customizing stets an die im Unternehmen vorliegenden Organisationsstrukturen und Prozesse angepasst werden [Mertens et al. 2010, S. 140].

Zweck und Durchführung des Customizing

Zweck des Customizing ist die Transformation der Standardsoftware aus dem Auslieferungszustand (Abbildung 1: „Ist“) in den vom Anwenderunternehmen gewünschten Soll-Zustand, ohne den Quellcode der Standardsoftware zu verändern.

Vorgehensweise

Für die Durchführung des Customizing im engeren Sinne (Abbildung 1) werden zwei idealtypische Vorgehensweisen unterschieden:

  • Konfiguration von Standardsoftware (auch Modularisierung), bei der die Standardsoftware durch die Auswahl benötigter Module und die Definition der Beziehungen dieser Module untereinander gebildet wird.
  • Parametrisierung von Standardsoftware, bei der eine Standardsoftware mit großem Funktionsumfang durch das Setzen von Parametern auf den vom Anwender benötigten Funktionsumfang reduziert wird.

In der Praxis werden in der Regel Mischformen dieser beiden Vorgehensweisen eingesetzt. Eine weitere Begriffsfassung von Customizing (Abbildung 1) umfasst zusätzlich die Analyse und mögliche Anpassung der Strukturen und Prozesse im einführenden Unternehmen, sowie die Anpassung der Software mittels Erweiterungsprogrammierung.

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Abb. 1: Der Prozess des Customizing im weiteren Sinn

Umfang des Customizing

Im Rahmen des Customizing wird eine Vielzahl von Anpassungen der Standardsoftware an die betrieblichen Gegebenheiten vorgenommen (Reihenfolge gemäß steigender Komplexität) [Hansen, Neumann 2009, S. 668-669]:

  • Länderspezifische Einstellungen wie Sprache, Währung,
  • Abbildung der betrieblichen Organisations-, Funktions- und Datenstrukturen,
  • Abbildung (und evtl. auch Anpassung) der betrieblichen Prozesse etc.

Die im Rahmen des Customizing vorgenommenen Anpassungen behalten bei Releasewechseln ihre Gültigkeit und müssen daher bei Aktualisierungen der Standardsoftware in der Regel nicht verändert werden [Görk 2001, S. 126].

Probleme und Wirkungen des Customizing

Customizing bestimmt in starkem Umfang die Dauer und die Kosten der Einführung von Anwendungssystemen. Die hohen Kosten werden großteils durch qualifiziertes Personal mit guten Kenntnissen der Standardsoftware sowie der Strukturen und Prozesse in den Unternehmen verursacht. Bei der oft langen Dauer von Customizing-Projekten können die zu Anfang des Customizing getroffenen Annahmen durch Veränderungen im Unternehmen bereits während des Customizing ihre Gültigkeit verlieren. Wenn betriebliche Prozesse nicht durch das Customizing abgebildet werden können, kann das Unternehmen gezwungen sein, seine betrieblichen Prozesse an die der Standardsoftware anzupassen. Damit können unter Umständen Wettbewerbsvorteile verloren gehen.

Unterstützung bei der Durchführung

Customizing wird durch Vorgehensmodelle, insbesondere seitens der Standardsoftwareanbieter, unterstützt. Neben einer vorgeschlagenen Reihenfolge und Vorgehensweise für das Customizing enthalten solche Modelle häufig auch Implementierungsrichtlinien und -werkzeuge sowie Funktionen für das Projektmanagement [Görk 2001, S. 127].

Das Customizing kann vom Anwender selbst (wie bspw. bei MS Office) oder mit der Unterstützung von Software- und Systemhäusern bzw. von Beratungsunternehmen durchgeführt werden.

Literatur

Amberg, Michael: Standard-Software. In: Broy, Manfred ; Spaniol, Otto (Hrsg.): VDI-Lexikon Informatik und Kommunikationstechnik. 2. Auflage. Berlin, Heidelberg, New York : Springer, 1999, S. 706.

Görk, Manfred: Customizing. In: Mertens, Peter (Hrsg.): Lexikon der Wirtschaftsinformatik. 4. Auflage. Berlin, Heidelberg, New York : Springer 2001, S. 126-127.

Hansen, Hans Robert ; Neumann, Gustaf: Wirtschaftsinformatik 1. Grundlagen und Anwendungen. 10. Auflage. Stuttgart : Lucius&Lucius, 2009.

Heinrich, Lutz J. ; Heinzl, Armin ; Roithmayr, Friedrich: Wirtschaftsinformatik-Lexikon. 7. Auflage. München : Oldenbourg Verlag, 2004.

Mertens, Peter ; Bodendorf, Freimut ; König, Wolfgang ; Picot, Arnold ; Schumann, Matthias ; Hess, Thomas: Grundzüge der Wirtschaftsinformatik. 10. Auflage. Berlin, Heidelberg, New York : Springer, 2010.

 

Autoren


 

Dr. Volker Lanninger, Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Operations Research, Prof. Dr. Oliver Wendt, Technische Universität Kaiserslautern, Postfach 3049, D-67653 Kaiserslautern

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Prof. Dr. Oliver Wendt, TU Kaiserslautern, Wirtschaftsinformatik und Operations Research

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Zuletzt bearbeitet: 23.10.2012 17:51
Letzter Abruf: 18.12.2017 02:00
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