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Lagerkennlinien

Peter Nyhuis (unter Mitarbeit von Sebastian Beck)

Die Lagerkennlinien stellen ein Hilfsmittel dar, um die Bestände auf ein Minimum zu reduzieren und gleichzeitig die erforderliche Lieferbereitschaft aufrecht zu erhalten. Sie beschreiben die Wechselwirkungen zwischen den Zielgrößen des Lagerhaltungsprozesses und können anhand von Simulationsstudien oder unter zu Hilfenahme von Berechnungsgleichungen und auf Basis von üblichen Betriebsdaten bestimmt werden.

Lagerkennlinien

Analog zu der Produktion ergibt sich aus den Aufgaben und Risiken der Lagerbestände ein Zielsystem des Lagermanagements [Wiendahl, Nyhuis 1997]. Es verfolgt zwei grundsätzliche Richtungen. Einerseits soll eine hohe logistische Leistungsfähigkeit sichergestellt werden. Andererseits sind die durch Bestände hervorgerufenen Logistikkosten möglichst gering zu halten.

Für ein effizientes Beschaffungs- und Bestandsmanagement ist es erforderlich, die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den genannten Zielgrößen unter Berücksichtigung der betrieblichen Randbedingungen und der Beeinflussungsmöglichkeiten zu beschreiben. Nur dann kann sich ein Unternehmen in dem aufgezeigten Spannungsfeld positionieren und bei Bedarf die Beschaffungs- und Lagerhaltungsprozesse zielgerichtet beeinflussen.

Eine in der Praxis inzwischen erfolgreich genutzte Möglichkeit, die Wirkzusammenhänge zwischen den logistischen Zielgrößen aufzuzeigen und Maßnahmen und deren Verbesserungspotenziale zu quantifizieren, stellen die Lagerkennlinien dar (Abbildung 1) [Lutz 2002; Nyhuis, Wiendahl 2003]. Mit diesen Kennlinien wird dargestellt, wie sich Servicegrad, Reichweite und Lieferverzug als Funktion des Bestandes (jeweils als Mittelwert) verhalten [Gläßner 1995]. Die Kennlinien, die jeweils für eine einzelne Artikelnummer zu erstellen sind, sind in ihrer Grundform allgemeingültig. Die spezifischen Ausprägungen werden im Wesentlichen von Zu- und Abgangslosgrößen (und somit von den eingesetzten Dispositionsverfahren und der Parametereinstellung), vom Lieferantenverhalten (z. B. der Liefertreue) sowie dem Bedarfsverhalten der Verbraucher bestimmt.

Lagerkennlinien und ihre Einflussfaktoren

Abb. 1: Lagerkennlinien und ihre Einflussfaktoren

Erstellung der Lagerkennlinien

Eine Möglichkeit, die Lagerkennlinien für einen Artikel zu ermitteln, ist die simulative Abbildung des dazugehörigen Lagerprozesses. Die Ermittlung einer ausreichenden Anzahl von Betriebspunkten für eine Vielzahl von Artikeln ist jedoch mit sehr hohem Aufwand verbunden [Nyhuis, von Cieminski, Fischer 2005]. Dieser Aufwand für die Ermittlung der Kennlinie konnte durch die Entwicklung mathematischer Näherungsgleichungen wesentlich reduziert werden. Die Gleichungen und ihre Herleitungen finden sich in [Lutz 2002; Nyhuis, Wiendahl 2003; Schmidt, Wriggers 2008].

Anwendungsfelder

Das mögliche Einsatzfeld der Lagerkennlinien erstreckt sich von der Prozessbewertung über die Zielvereinbarung und die Parameterbestimmung bis hin zur Lieferantenbewertung (Abbildung 2).

So eigen sich die Kennlinien in hervorragender Weise, die logistische Positionierung und Zielfindung zu unterstützen. Abhängig von den artikelspezifischen Rahmenbedingungen (Wert, Wiederbeschaffungszeiten, strategische Bedeutung) lassen sich Zielwerte für den Servicegrad, Lieferverzug und Lagerbestand unter Berücksichtigung der gegenseitigen Abhängigkeiten vereinbaren. Sofern die Zielvorgaben quantifiziert sind, kann eine logistische Bewertung des Ist-Zustandes durchgeführt werden. Ebenso lässt sich der Dispositionsparameter Sicherheitsbestand zielorientiert bestimmen.

Sofern im Rahmen der Zielfindung festgestellt wird, dass ein primäres Ziel nicht ohne negative Auswirkungen auf die zweite Zielgröße realisiert werden kann, lassen sich alternative Maßnahmen bezüglich der Lieferanten, des Bestellverfahrens und/oder des Abrufverhaltens der Verbraucher bewerten. In Abbildung 2 ist dies exemplarisch für die logistisch orientierte Lieferantenbewertung dargestellt.

Anwendungsfelder von Lagerkennlinien

Abb. 2: Anwendungsfelder von Lagerkennlinien

Literatur

Gläßner, Jürgen: Modellgestütztes Controlling der beschaffungslogistischen Prozesskette. Fortschritt-Berichte VDI, Reihe 2, Nr. 337, Düsseldorf 1995.

Lutz, Stefan: Kennliniengestütztes Lagermanagement. Fortschritt-Berichte VDI, Reihe 13, Nr. 53, Düsseldorf 2002.

Nyhuis, Peter; Wiendahl, Hans-Peter: Logistische Kennlinien: Grundlagen, Werkzeuge und Anwendungen. 2. Auflage, Berlin : Springer, 2003.

Nyhuis, Peter; von Cieminski, Gregor; Fischer, Andreas: Applying Simulation and Analytical Models for Logistic Performance Prediction. Annals of the CIRP 54/1 (2005), pp. 417–422.

Schmidt, Matthias; Wriggers, Felix: Logistische Modellierung von Lagerprozessen. In: Nyhuis, Peter (Hrsg.): Beiträge zu einer Theorie der Logistik. Berlin : Springer, 2008

Wiendahl, Hans-Peter; Nyhuis, Peter: Performance Measurement of the Procurement Process on the Basis of a New Characteristic Curve of Stock on hand. Annals of the German Academic Society for Production Engineering (WGP), 1997.

Autor


 

Prof. Dr.-Ing. habil. Peter Nyhuis, Leibniz Universität Hannover, Institut für Fabrikanlagen und Logistik, An der Universität 2, 30823 Garbsen

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Zuletzt bearbeitet: 18.10.2012 16:57
Letzter Abruf: 17.09.2019 00:45
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